Es muß eine Art Wahrheit in der Bhagavad-gita stecken, denn jene, die ihren Anweisungen folgen, legen eine freudige Gelassenheit an den Tag, die man gewöhnlich im trostlosen und hektischen Leben der Menschen unser Zeit vermisst. (Dr. Elwin H. Powell, Prof. der Soziologie, Buffalo)
10. Kapitel: Vibhuti-Yoga – Die Offenbarung der Fülle
Vibhuti deutet auf Fülle, Reichtum, Macht, Offenbarung. Auch die heilige Asche aus dem Opferfeuer wird vibhuti genannt und als glücksverheissendes Element auf dem Körper aufgetragen oder gar für die Heilung von körperlichen und geistigen Krankheiten genutzt. Mit vibhuti ist jedoch auch die letztendliche Realität gemeint, die übrig bleibt, wenn das Feuer der Erleuchtung die Dunkelheit der Täuschung und der Ich-Zentriertheit verbrannt hat.
Wie bereits im neunten Kapitel ausgeführt, ist es nicht Gelehrsamkeit, Entsagung oder andere charakterliche Grösse, welche die vertrauliche Unterweisung ermöglichen. Vielmehr bildet die Herzensbeziehung zwischen dem Lebewesen und dem Höchsten Wesen die Grundlage zu dieser Offenbarung. Darauf weist Sri Krishna einmal mehr hin, als er die Unterweisung Arjunas mit folgenden Worten einleitet: "... Ich spreche weiter, weil ich mir dein Wohlergehen wünsche. Du bist mir sehr lieb ..." (10.1).
Krishna weiht seinen Freund Arjuna in immer tiefere Schichten der göttlichen Offenbarung ein. Selbst weit fortgeschrittene Lebewesen wie die Devas (Götter) und Rishis (Heiligen) kennen Ihn nicht in seiner ganzen Ursprünglichkeit und Fülle (10.2.).
Jedoch können Worte allein nie ausreichend sein, um das Wesen Gottes in seiner ganzen Fülle zu erfassen und zu beschreiben. Die vielen weiterführenden Erklärungen und Beschreibungen, die Krishna in diesem 10. Kapitel preisgibt, sollen dem Menschen lediglich helfen, ein immer umfassenderes Verständnis vom Höchsten Wesen und seinem göttlichen Spiel (lila) zu erhalten. Das Lebewesen, das diese Wahrnehmung beständig vertiefen kann, erfährt dadurch eine Ermutigung in seiner Widmung zum Höchsten, da dessen Wessen nach und nach aus der Verschwommenheit auftaucht. Bei diesen Unterweisungen handelt es sich daher nicht einfach nur um technische Erklärung über das Höchste, sie sind vielmehr Träger der höchsten Offenbarung (Vers 11.1.: paramam vacaha. Parama = höchster, bester, fernster; vac = Rede, Sprache. Im Rigveda auch als göttliche Kraft, heilige Rede, Trägerin der Offenbarung, als schaffende, alle Götter tragende Urkraft angesehen).
So hat der Bhakti-Gelehrte Srila Visvanatha Cakravarti Thakura (um 1680 in Vrindavana) die Verse 10.8 - 10.11 als die catuh-sloki (Schlüsselverse) der Bhagavad-gita beschrieben. Alle vier Verse weisen eine allgemeine Bedeutung auf, die jedem yogi zugänglich sind. Jedoch ist in ihnen auch eine tiefere, esoterische Offenbarung enthalten. Es ist eine Offenbarung des Wesens der Hingabe, wie sie von den Geweihten Vrajas (vertraute Geweihte Krishnas), den Gopis (den Kuhhirtenmädchen im Krishna-lila, die dem Bhakti-Yogi als die vollkommensten Vorbilder intensivster Gottesliebe gelten) und ihren Nachfolgern gelebt wird.
Fortsetzung folgt.
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Re: 10. Kapitel: Vibhuti-Yoga -Offenbarung der Fül
Geschickt am: 25/02/09 at 09:01:42 CET
Namaste!
Weiter geht es mit der Vertiefung der Bhagavad-gita Texte, 10. Kapitel:
Im achten Vers wird die Bedeutung von bhajante mam budha bhava-samanvitah (die Weisen verehren mich mit Liebe erfüllt), nicht nur als eine Beschreibung verstanden, die den regulierten liebevollen Dienst der vaidhi-bhakti beschreibt. Als vaidhi-bhakti gilt eine Hingabe, die den Regeln folgt, welche vom Lehrer und den Schriften vorgegeben werden. Bhakti als Yoga ist kein rein emotionaler Vorgang, der lediglich dem Lust und Laune Prinzip entspringt. Vielmehr soll durch Schulung und Klärung des Geistes unter Zuhilfenahme von Regeln (z. B. die Tugendlehre: Enthaltsamkeit, Mitgefühl, Sauberkeit usw.) und spirituellen Übungen (Meditation, Studium usw.) eine motivlose Liebe entwickelt werden, die sich letztlich ohne jedwelche Erwägungen dem Geliebten hingibt.
Auf der Grundlage dessen, was frühere Kommentatoren ausgeführt haben, erklärt der Bhakti Gelehrte B.R. Sridhara Deva Goswami, wie die Vertiefung des Verständnisses der einzelnen verwendeten Begriffe, letztlich unmissverständlich auf die Verehrung hinweist, die gänzlich der natürlichen Liebe und Anziehung zu Ihm (Krishna) entströmt, ohne dass darin auch nur noch ein Hauch von frommer Pflichterfüllung, Erwägung oder gar Angst zu finden wäre. Es würde den Rahmen dieses Kurses sprengen, hier ausführlicher auf diese innere Bedeutung dieser vier Verse einzugehen. Dem geneigten Leser sei zur weiteren Vertiefung folgende Lektüre empfohlen:
B.R. Sridhara Deva Goswami, Subjective Evolution of Consciousness, 1989, Kapitel 11: The subjective Bhagavad-gita, S. 138ff)
Swami B.V. Tripurari, The Bhagavad-gita - its feeling and philosophy, 2001
Fortsetzung folgt
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Re: 10. Kapitel: Vibhuti-Yoga -Offenbarung der Fül
Geschickt am: 16/08/09 at 11:13:38 CET
Namaste,ihr alle!
Hier fehlt noch der Schluss des 10. Kapitels.
Es folgen nun viele Beschreibungen, die dem Lebewesen helfen, überall in dieser Welt die Anwesenheit Gottes zu erkennen und sich diese immer von neuem zu vergegenwärtigen, sei es in den hervorragendsten Eigenschaften, den grossartigsten Naturereignissen, den erhabensten Menschen und Götter oder sogar dem vollkommensten Betrug.
Doch am Schluss dieser Unterweisungen, kommt noch einmal die Bedeutung des Vibhuti-yoga zum Ausdruck. Der Mensch kann die Bedeutung jeder einzelne dieser Manifestationen, die das Göttliche repräsentieren, bis in alle Einzelheiten studieren. Er kann dies Leben für Leben tun, ohne dem Ende dieses Studiums auch nur einen Schritt näher gekommen zu sein. Denn die Füllen und Energien Gottes sind unendlich. Vibhuti-yoga zielt jedoch auf die Realität ab, die sich hinter all diesen Erscheinungen verbirgt. Ichsucht und Täuschung müssen nach und nach im Feuer der Erkenntnis verbrennen. Die Nahrung für dieses Feuer liegt im Bhajana (der Widmung) wie er in den Versen 8. - 11. beschrieben wird. Es heisst, dieses Feuer des Bhajanas, sei sowohl der Weg als auch das Ziel. Das bedeutet, dass sowol der Yoga-Adept, als auch der vollendete Yogi, dessen von Wissen um das Höchste und dem Wunsch nach Erhebung motivierte Verehrung bereits im Feuer der motivlosen Zuwendung zum Höchsten verglüht ist, auf diesem Pfad der liebenden Hingabe immer tiefer in die Verwirklichung der unendlichen Realität eintauchen können.
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